Welch ein Grauen

Tag.

Bitte.

 

Herr Christoffel, ich bin gerade sehr traurig.

Oh, das tut mir Leid Herr Mono, wieso sind Sie denn traurig?

…es ist..naja, mal wieder mein Vater. Es ist einfach nicht möglich einen Zugang zu ihm zu finden, irgendwie zu ihm durchzudringen. Und langsam gebe ich die Hoffnung auf, dass es überhaupt irgendwie zu schaffen ist. Und es bricht mir das Herz. Die Hoffnung aufgeben – das ist wie…wie, sterben.

Sterben? Das müssen Sie mir erklären.

Naja, im Sinne von ‘die Hoffnung stirbt zuletzt’. Es fühlt sich so endgültig an. Wenn die Hoffnung tot ist, dann ist es einfach vorbei. Man ist am Ende angekommen und damit war’s das.

Wovon sprechen Sie Herr Mono? Sie sind doch nicht suizidal oder?

Nein, nein..wobei, manchmal kommt der Gedanke schon auf, aber das ist doch ein Stück weit normal oder?

Jedenfalls, denke ich nicht, dass ich akut suizidal bin, tränenverheult einen Abschiedsbrief schreibe und mir fertig überlegt habe wie und wo ich die Geschichte – mich – zu Ende bringen kann und mich quasi auf dem Weg dorthin befinde.

Gut, dann bin ich beruhigt.

Wunderbar, dann – die Hoffnung, sie stirbt, es geht ihr nicht gut, sie liegt schon im Hospiz und bekommt Morphium, oder Fentanyl oder was auch immer man da so bekommt – ich würde übrigens viel lieber, ganz wie Huxley, Lsd auf dem Sterbebett nehmen und offen-sanft schwingend herüber wechseln in die nächste Ebene. Aber also, Hoffnung, Hospiz, Morphium – sie liegt also darnieder, be- und vernebelt, ohne Schmerzen zwar, aber auch nicht mehr Herr über sich.  – Gerade kam mir die Assoziation, dass der Tod der Hoffnung eine metaphorische Negativ-Sublimierung (gibt’s das?) meiner Idee des Erwachsen-seins oder -werdens ist bzw. sein könnte. Die klimaktische Überhöhung meines Peter-Pan-Syndroms, meiner Weigerung Verantwortung zu übernehmen – jedenfalls in gesamt-gesellschaftlich anerkannter Art und Weise. Es ist als würde ich tatsächlich am Abgrund stehen – für mich, denn, mich anzupassen, das wäre für mich definitiv eine Art von Tod – weil die Hoffnung, dass es doch noch irgendwie anders gehen könnte, bereits kurz vor der letzten Ölung steht, es aussichtslos erscheint und ich nur noch auf ein Wunder hoffen kann. BAM hier ist meine Mutter, am Strand, mit dem Auto im Sand, am Ende ihrer ersten Flucht; wartend, hoffend, dass doch tatsächlich noch ein Wunder geschehen möge – sie noch abgeholt wird, dass es doch jemand oder etwas dort draussen gibt, der sie retten kann. Hier stehe ich nun neben ihr, in der Hoffnungslosigkeit, oder eher am Ort, der nach dem Tod der Hoffnung liegt, so nah, aber doch in dieser Ebene auch unerreichbar fern, stehe neben ihr, mit gesenktem Kopf und weine still in mich hinein, während des Novembers kalter Regen mir das Gesicht herunter tropft. Welch ein Grauen. Welch ein Grauen..

 

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