Grau-en-voll

Herr Mono, bitte.

Tag.

…das war aber ein tiefer Seufzer. Was ist denn los?

Ach, wissen Sie. Heute scheint einer dieser Tage zu sein. Der Himmel ist grau in grau, es ist viel zu kalt und die Leute auf der Straße sehen auch alle unfreundlich aus. Ein Tag zum im-Bett-bleiben sozusagen. Aber das ist leider nicht drin, mein Über-Ich hat mich aus dem Bett und in die Bibliothek gescheucht!

Ihr Über-Ich? Wie meinen Sie das?

Naja, Sie kennen ja Heidegger, nicht?

Ja, aber Text- und Zitier-sicher bin ich nicht Herr Mono.

OK, also es ist ja so: im Moment muss ich eine Hausarbeit über Sein und Zeit von Heidegger schreiben, über die Todesanalyse, aber das ist ja bei weitem nicht das einzige Konzept, das in dem Buch vorkommt. Es gibt auch ‘das Man’ – sagt Ihnen das was?

Ja, so ein bisschen, aber erzählen Sie mal weiter.

Das Man…ja, das Man ist ein Arschloch. Entschuldigen Sie, aber das ist wirklich so, denn im Man treffen sich all die Krankheiten unserer Gesellschaft und quälen die armen Tröpfe, die unreflektiert, oder wie Heidegger sagen würde uneigentlich, durch die Welt laufen. Das Mittel im dem sich das Man ausdrückt,ist das Gerede – da wird hinter vorgehaltener Hand oder geschlossener Tür geredet – über mich, über Sie, immer über die Abwesenden. Und das erzeugt Angst: “Was reden die bloß über mich? Ob die Bescheid wissen? Ob es in Ordnung ist, wenn ich dies hier mache oder das hier lasse?” und dergleichen. Verstehen Sie?

Ja.

Und damit ist dieses Man natürlich äußerst mächtig und hat einen unglaublichen, aus der Negativität bzw. Angst motivierten, sozial-regulativen Charakter. Denn wer will schon auffallen oder aus der Reihe tanzen? “Was sollen die Nachbarn bloss denken?!” Wissen Sie, solche Sachen. Und jetzt kommt der Rückgriff auf mein Über-Ich, denn es ist ja klar, dass Über-Ich und Man natürlich einen ähnlich peitschenschwingenden bzw. antreibenden Charakter haben…nun ist es so, dass ich mich EIGENTLICH von nichts und niemand, peitschend oder nicht, antreiben lasse, auch nicht von mir selber. Deswegen habe ich diese regulativen Momente eigentlich ‘outgesourced’ und um diese Momente zu umgehen, muss ich, um Dinge zu tun – wie zum Beispiel Hausarbeiten schreiben – meine Perspektive auf die Arbeit so ändern, dass es kein mit Unlust befangenes Unternehmen ist, sondern ein Lustvolles. Das klappt normalerweise ganz gut, mit anregender Nebenlektüre, regelmäßigen und bewegten Pausen, solche Dinge. ABER heute: pfffff…ein schwerer Fall von “ichhabkeinenbockundwillwiederinsbettundambestennocheinenkiffen-itis”, aber das Problem dabei jetzt ist, dass meine raffinierter Selbstbetrug dazu geführt hat, dass es eine neue regulative Instanz in mir gibt! SEUFZ…….und die macht das selbe in Grün, sie treibt mich an, schickt mich raus in die Kälte und rein in die Todesanalyse, obwohl ich doch eigentlich gar keinen Bock hab!

Vielleicht ist die ganze Sache auch gar nicht so raffiniert wie ich mir das gedacht habe, sondern ich bin einfach ein kleines, blödes trotzköpfiges Kind, das seinen Willen nicht bekommt? Ja, vielleicht – bestimmt sogar…das passt sehr gut. Oh welch bittersüßer Regress..aber es hilft ja alles nichts. Ich hab ja die Entscheidung getroffen, diese Hausarbeit zu schreiben und diese Entscheidung bzw. die Unlust die sie mir heute bereitet, wird von mir gerade ganz wunderbar zur Sublimierung meiner virtuellen Marter, erlitten ab der eigenen Hand, und zum kindlichen Regress verwendet. Eine Selbstverarsche sondergleichen und alles nur damit mir keiner was vorschreibt und schon gar nicht dieses nach Man stinkende Über-Ich. Meine Eltern lassen grüßen, mein Gott was ein Quatsch. Diese rebellischen Kindereien, was soll das bloß? Das hilft doch wirklich niemandem!?

Wissen Sie Herr Mono, gestatten Sie sich doch auch mal einen grauen Tag. Erlauben Sie sich, nicht voll dabei zu sein, nicht begeistert sein zu müssen, aber genauso müssen Sie deswegen nicht alles hinschmeißen, sich selbst eingeschlossen, und zum Kleinkind regredieren. Das sind alles ganz normale Affekte, glauben Sie mir, auch ich habe manchmal keine Lust, genau wie jeder Andere auch.

Mmmmh…ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Aber es ist so frustrierend………aber im Endeffekt, ist es sicherlich gesünder manchmal im vom Man-affizierten grauen Mittelmaß zu dümpeln als immer nur phantastisch sein zu MÜSSEN! HA…da hab ich mich selbst erwischt. Zwang mit Zwang zur Zwanglosigkeit überdecken – das ist ja schon ganz schön bizarr. Und vor allem auch etwas blödsinnig, wie sagt man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben oder so.

Ja, da haben Sie recht Herr Mono. Dann wünsche ich Ihnen mit dieser Erkenntnis jetzt viel Erfolg für Heidegger und die Bibliothek, denn unsere Stunde ist jetzt zu Ende.

Danke. Tschüss

Auf wiedersehen Herr Mono

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